Rhythmik

Die ,,Rhythmik“ des E. J. Dalcroze im Grundstufenbereich an Musikschulen

Oft wird diskutiert und überlegt, wie Kinder ohne Erfolgsdruck und ohne Leistungszwang, aber mit viel Freude, Kraft und Energie lernen können. Dabei gibt es eine musikpädagogisch orientierte Methode, die den Kindern Freiräume öffnet. Rhythmisch-musikalische Früherziehung macht es möglich, Lernen mit Musik, Bewegung und Sprache spielerisch zu gestalten.

Wir wissen alle, dass Kinder von Natur aus sehr bewegungsfreudig sind. Sie spielen gerne, laufen und springen. Genau das wusste auch der Schweizer Musikpädagoge und Komponist E. J. Dalcroze (1865-1950). Er entdeckte einen Zusammenhang zwischen Musik und Bewegung und entwickelte eine eigene Methode „der Erziehung zur und durch Musik“, die er kurz ,,Rhythmik“ nannte. ¹

Rhythmik Instrumente
Für den Rhythmikunterricht sollte ein großer und heller Raum zu Verfügung stehen. Klavier oder Flügel, Xylophon, Metallophon, Becken, Klanghölzer, Trommeln und Rasseln dienen als Begleitinstrumente. An Bällen, Holzringen, Seilen, Säckchen und bunten Tüchern darf es nicht mangeln. Sie garantieren ein abwechslungsreiches und Sich-Wohlfühlen-Dürfen-Elebnis.

Die Kinder tragen bequeme Kleidung und Gymnastikschuhe.

Rytmik Klasse
Eine Rhythmikstunde dauert 60 Minuten. Der Unterrichtaufbau basiert auf Kenntnissen von der Kinderpsychologie. Die höchste Konzentrationsstufe erreichen 4 bis 6-Jährige zwischen der fünften bis zwanzigsten Unterrichtsminute. In dieser Zeit kann man die schwierigsten Aufgaben vermitteln. In der verbleibenden Zeit plant man Entspannungsspiele und wiederholt Tänze und Lieder.

Die Rhythmik in der Musikschule beinhaltet musikalische Grundbegriffe wie Rhythmus,
Metrum, Takt, Melodie, Phrasierung, Form, Dynamik, Artikulation, sowie Elemente der Bewegungstechnik. Außerdem werden choreografische und tänzerische Bearbeitungen von Liedern und Musikstücken vermittelt.

Ziel ist es, die Musik durch die Bewegung zu verstehen und sichtbar zu machen, der Körper wird zum Musikinstrument.

Wie spielt man das Instrument Körper?

Um mit einem solchen Instrument umzugehen, braucht man einige spezifische Übungen. Als allererstes haben die Schüler die Aufgabe, den Unterschied zu erkennen zwischen langsam und schnell, laut und leise, lang und kurz. Dann folgen die Inhibeo- und Incito-Übungen (lat. ihibere = stoppen, bremsen; incitere = erregen). Anders gesagt: Übungen, die das Bewegen stoppen und das Bewegen erregen oder neu entstehen lassen. Diese Übungen schulen und fördern blitzschnelles reagieren, die eigene Initiative und Konzentration.
Übungsbeispiel: Die Kinder sollen sich eine bestimmte Bewegung oder Tätigkeit merken, mit welcher man auf ein Wort oder ein Musiksignal reagiert. Das Wortsignal: „Hopp“ bedeutet einen Kreis bilden: „Hupp“ bedeutet mit der Handfläche auf den Fußboden schlagen, „Hej“ heißt auf der Stelle springen und in die Hocke gehen und „Stopp“, sich zu zweit anfassen. Dann marschieren die Kinder frei im Raum zur Musikbegleitung und reagieren auf Wortsignale.

Weitere Themen zu den Inhibeo- und Incito-Übungen sind: „Finde deine Vierer“, „Eis und Wassertropfen“ und „Karussel“.

Zu den musikalischen Grundbegriffen gehören: Metrum, Takt, Rhythmus und Notenwerte. Es ist sehr wichtig, dass die Schüler den Anfang des Taktes fühlen und finden. Die 1 sagt uns, was für ein Takt gerade gespielt wird: der 2/4 Takt; der 3/4 Takt; der 4/4 Takt. Bei diesem Lernstoff sind Musikinstrumente sowie Bälle, Holzringe und Tücher sehr gefragt.

Themen für weitere Übungen sind: „Hüpfender Ball“, „Im Kopf zählen“, „Walzer“.

Aufbauend darauf wird das Rhythmusgefühl trainiert. Zuerst werden unterschiedliche Rhythmusgruppen unbewusst durchgeführt (klatschen, stampfen, laufen), dann aber sollen die Kinder die grafischen Notenwerte kennen lernen. Wichtig ist, dass die Kinder mit Notenwerten gut vertraut gemacht werden, weil das die schnelle Verständigung ermöglicht. Die einfachen Notenwerte, welche die Schüler lernen, sind: Halbe Note, Viertel Note und Achtel Note. Die Notenwerte werden geklatscht, gestampft, mit Trommeln, Klanghölzern und Triangeln gespielt. Thema für passende Übungen sind: “Echo-Spiel“, „Vornamen“, „Blumen–Spiel“ und „Ein Uhr“.

Bei einem Fach wie „Rhythmik“, das mit Bewegung zu tun hat, ist eine gute Bewegungskoordination erforderlich. Hierunter verstehen wir die Gleichzeitigkeit mehrerer Bewegungsabläufe. Es soll bei der ,,Rhythmik“ aber nicht das einfache, gleichzeitige bewegen von Hand und Fuß sein, es sollten vielmehr erweiterte Bewegungen sein: Zum Beispiel die Hand kreist während der Fuß stampft. Bei kleinen Kindern trifft man oft auf zufälliges chaotisches Zappeln. Das gezielte und schöne Bewegen ist am Anfang schwer erreichbar und erfordert starke Konzentration. Die passenden Übungen sollten Schritt für Schritt schwieriger werden. Die Fähigkeit, die unterschiedlichen Bewegungen gleichzeitig auszuführen, führt zu Unabhängigkeit verschiedener Körperteile.

Zu den einfachsten koordinierten Bewegungen gehören:

  1. Gleichmäßiges Marschieren mit Klatschen, später soll aber Rhythmus geklatscht werden.
  2. Marschieren und gleichzeitig mit den Armen kreisen.
  3. Während des Vorwärtsgaloppierens langsam mit einem Tuch nach unten und nach oben bewegen, später seitlich galoppieren.
  4. Bälle werfen und fangen beim Marschieren, Galoppieren und Hüpfen.
  5. Schaukeln im Sitzen oder Stehen, dazu einfache Rhythmen klatschen.
Angenehme Übungen, die das Gefühl vom bewussten Bewegen und gleichzeitig der aufrechten Haltung unterstützen, sind: ,,Zu enge Schuhe“, ,,Schmetterling“, ,,Giraffen“ und ,,Die Robe“.

Bei jeder Unterrichtseinheit darf es nicht an Spannungs- und Entspannungsübungen fehlen. Hier bieten sich Übungen an wie: ,,Der kranke Hampelmann“, ,,Schnecken“ und ,,Mechanische Puppen“.

Sehr gut geeignet für richtige Konzentration sind der Slalomlauf (Stühle, kleine Fahnen), oder das Balancieren mit Holzklötzen wie im Zirkus, oder das sehr achtsame In-den-Spiegel-Schauen, oder das Rollen eines Balls in einem verzauberten Ring.

Das Üben verschiedener Muskelpartien beeinflusst die harmonische Entwicklung der kindlichen Gestalt positiv. Alle Muskeln mit passender Musik zu üben macht nicht nur Spaß, es bedeutet auch einen riesigen Schritt hin zur Bewusstmachung und Bewusstwerdung des musikalischen Ausdrucks.

Wir üben mit Hals- und Kopfbewegungen: Ja oder nein stumm sagen, Sekunden, Minuten, und Stunden abmessen, mit der Nase wunderschöne Blumen malen. Wir spielen ,,Seelöwe im Sonnenstrahl“.
Wir trainieren die Hände, indem wir Malen und Tapezieren nachspielen. Weitere spielerische Übungen sind: ,,Kalte Hände“, „Schmutzige Hände“, ,,Tanzende Hände“ und ,,Die Windmühle“.

Für Wirbelsäule, Hüfte und Bauch sind folgende Übungen vorgesehen: ,,Katzen“, ,,Robben“, ,,Scheren“, ,,Knie-Fersensitz“, ,,Bäume und Wind“, ,,Wiegenlied“, ,,Holz hacken“ und ,,Tunnel“. Die Beine trainiert man mit unterschiedlichem Marschieren: ,,einer Sammlung von verrückten Schritten“, ,,mit Tanzenden Füßen“, ,,Springenden Füßen“, ,,Marschieren im Sitzen“ und ,,Spielen mit Säckchen“.

Beispiel einer Spielführung

„Jetzt wollen wir endlich singen. Nur macht die Stimme nicht mit, die schläft ganz tief und fest. Wir steigen in einen Zug und fahren zum kleinen und großen Indianer, die uns unsere Stimme wieder zurückrufen können. Der Zug wird immer schneller und die alte Lokomotive pfeift sehr lang. Wer kann die Zuggeräusche mit seiner Stimme nachmachen? Wer kann noch länger als eine alte Lokomotive pfeifen? Und wenn wir am Feuer mit den Indianern sitzen, jauchzen die kleinen Indianer ganz hoch und die großen ganz tief.“

Dies ist nichts anderes als eine Stimmübung mit Phonation. Es gibt auch Stimmübungen ohne Phonation. Dazu gehören: Eine Kerzen auspusten, ein Wettbewerb im Federpusten.
Beim Singen haben wir grundsätzlich mit Atemübungen zu tun.

Wenn die Stimme endlich wach geworden ist, singt man wunderschöne Lieder. Die Lieder erzählen unterschiedliche Geschichten und die Kinder haben das natürliche Bedürfnis den Text in Bewegung umzusetzen. Die enge Verbindung zwischen Lied und Tanz führt zum choreografischen und tänzerischen Bearbeiten von Liedern und Musikstücken.
Es gibt ein Musikelement, das für jedes Lied und Musikstück das Wichtigste ist. Es handelt sich um die Melodie. Eine kurze Melodie ist ein Grundstein für eine musikalische Phrase.
Unter musikalischer Phrase versteht man einen Musikabschnitt, der melodisch und rhythmisch einheitlich ist und drei bis vier Takte dauert. Auf einer Phrase ist ein Musiksatz aufgebaut. Wir haben immer mit zwei Musiksätzen zu tun, mit einer Frage und einer Antwort, beide sind acht Takte lang. Aus beiden Musiksätzen entsteht ein musikalisches Andauern, das 16 Takte lang ist. Die gesamte Musikliteratur für Kinder, also Lieder, Tänze und einfache instrumentale Musikstücke- basiert auf musikalischer Frage und Antwort. Beide Musiksätze haben melodische und rhythmische Ähnlichkeit außer am Ende. Wenn man beim Schüler ein Gefühl dafür entwickelt, wie die Musiksätze gebaut sind, hat das enormen Einfluss auf den Kontakt mit Musik. Die Musik wird verständiger und einfacher zu interpretieren mit Stimme, Bewegung und Instrumentalspiel.

Tänze und Lieder mit Bewegung zu interpretieren ist unmittelbar mit räumlicher Vorstellung verbunden. Gleich am Anfang, wenn man einen Kreis bildet und im Kreis marschiert, sollte man auf gleichmäßigen Abstand zwischen den Schülern achten. Der Kreis sollte sich in der Mitte des Raumes befinden. Bei einem freien Lauf passiert es oft, dass alle plötzlich ganz eng auf einer Stelle zusammenfinden, statt den ganzen Raum zu fühlen. Die Übung mit dem Titel „Schachbrett“ lässt den Raum wieder füllen. Andere Übungen zu dem Thema sind: ,,Schau um sich“, „Wo stehst du“, ,,Ein Loch flicken“, ,,Buchstaben laufen“, ,,Seil-Spiel“, ,,Gong-Spiel“ und ,,Schritte zählen“. Von der räumlichen Vorstellung ist es nur ein Schritt zur Bewegungsimprovisation. Die Kinder verfügen über eine unbegrenzte Vorstellungskraft und haben ausgezeichnete, spontane Ideen, die man mit viel Spaß umsetzen kann. Zu einem Musikstück denken sich die Kinder eine Geschichte aus, stellen sie mit Verkleidung in Bewegung dar. Die Kinder werden an ihre kreativen Ausdrucksmöglichkeiten herangeführt, was zu einer gesunden kindlichen Entwicklung beiträgt.

Rhythmisch-musikalische Erziehung an Musikschulen hat als Ziel, die musikalische Begabung zu fördern. Durch rhythmische, dynamische und emotionale Musikerlebnisse erfüllt ,,Rhythmik“ auch vielseitige erzieherische Ziele. Sie bildet bei Kindern eine intensive und analytische Aufmerksamkeit aus, sowie zuverlässige Reaktion, ein leistungsfähiges Gedächtnis, vergleichende und analytische Prozesse, eine individuelle Vorstellungskraft, kommunikatives und soziales Verhalten und Bereitschaft zu kreativen Lösungen.

Malgorzata Seewald

Weiterführende Literatur:
U. Smocznska- Nachtmann ,,Spiele und Übungen mit Musik“
Bankl, M. Mayr,E. Witoszynskyj ,,Lebendiges Lernen durch Musik, Bewegung, Sprache“

¹ Bankl, M.Mayr, E.Witoszynskyj “Lebendiges Lernen durch Musik, Bewegung, Sprache”